Es ist die spannendste, schwierigste und am häufigsten gestellte Frage zu dem neuen Medium: Was unterscheidet die Audio-Slideshow vom Film bzw. Videobeitrag. Der folgende Aufsatz versucht diese Frage rein mediensemiotisch zu stellen: Wie unterscheiden sich die zwei Medien in ihrer multimedialen Ausstattung und welche Folgen lassen sich ausschließlich daraus ableiten? Auf die erste Frage kann man eine einfache Antwort geben: Ein Film zeigt im Unterschied zum Foto typischerweise eine Bewegung.
Für die zweite Antwort über die Folgen dieses Unterschieds muss ich dagegen etwas weiter ausholen. Ein Bild bewegt sich zwar nicht - aber kann es deshalb auch keine Bewegung vermitteln? In der Kunstgeschichte diskutiert man diese Frage bereits seit über zweihundert Jahren anhand der sogenannten Laokoon-Gruppe.
Gotthold Ephraim Lessing erwähnt die Statue 1766 in einem Aufsatz und vertrat die Meinung, dass die Malerei (bzw. eine Statue) keine Handlung darstellen könne. Das könne nur die Literatur (die dafür keine Gegenstände darstellen könne). Allerdings räumte Lessing bereits ein, dass ein Bild eine Handlung andeuten könne. Die ganze Geschichte von Laokoon und seinen Söhnen sei in einem einzigen "fruchtbaren Augenblick" zusammengefasst: Man sieht Laokoon wie er versucht, seine Zwillingssöhne vor zwei großen Seeschlangen zu retten.
Die These, dass Bilder keine Handlung darstellen können, gilt inzwischen als revidiert (Liptay 2006:117). Einen großen Anteil daran hatte die sogenannte Rezeptionsästhetik, eine ursprünglich literaturwissenschaftliche Schule, die den produktiven Anteil des Rezipienten an der Konstruktion einer Erzählung in den Fokus rückte. Grundlage ist eine sehr postmoderne Idee: Der Text hat keinen objektiven Sinn mehr, den die Textanalyse ans Licht bringen kann, sondern jeder Leser bringt seinen historischen Hintergrund mit ein, um das Sinnpotential des Textes zu entfalten. Dabei kann er natürlich nicht beliebigen Sinn in den Text projizieren, sondern er hat lediglich einen gewissen Spielraum. Diesen Spielraum, den der Rezipient zur Interpretation hat, nennt man Leerstelle.
Obwohl die Rezeptionsästhetik in den letzten Jahren etwas aus der Mode gekommen ist, so hat sich die Idee von der Leerstelle und vom produktiven Leser doch verbreitet und wurde erfolgreich auch auf die Rezeption von Bildern und Filmen übertragen (Liptay 2006). In Filmen gibt es häufig Zeitlücken, die der Zuschauer mit seinem Wissen aus den gezeigten Einstellungen rekonstruieren muss.
In manchen Krimis sieht man oft nur Vorbereitungen oder Spuren des Mordes und muss sich seine eigenen Vorstellungen über den Mord machen. Ein Meisterwerk in diesem Bereich ist Hitchcocks "Fenster zum Hof", in dem der Zuschauer zusammen mit dem Protagonisten nur durch dessen Fenster auffällige Beobachtungen in den Wohnungen des gegenüberliegenden Hauses machen kann. Das Fenster ist hier gleichzeitig Metapher für den eingeschränkten Sichtbereich der Filmkamera.
Und da die Kamera immer nur einen viereckigen Ausschnitt aus einem Raum zeigen kann, können sich Ereignisse auch im Off abspielen, wo sie der Zuschauer nicht sieht, aber sich denkt - auch eine Leerstelle. In der folgenden Szene aus dem Film 21 Gramm sehen wir eine ungewöhnlich lange Einstellung von einem Mann mit Laubbläser. Ein Auto fährt vorbei, man hört das Quietschen eines Reifens - der Unfall ist nicht zu sehen, aber der Mann lässt den Laubbläser fallen, rennt nach links ebenfalls aus dem Bild heraus und noch Sekunden später verharrt die Kamera auf diesem Ausschnitt, in dem sich - wie die Filmwissenschaftlerin Fabienne Liptay sehr schön formuliert - lediglich die Maschine, herrenlos arbeitend, gegen den Sog des Off behauptet.
Nun kann man also präzise ausdrücken, was mit der Bewegung passiert, wenn eine Reportage nicht mehr als Video, sondern als Audio-Slideshow produziert wird: Die Bewegung wird nicht mehr gezeigt, sondern gedacht. Wenn der Betrachter also das Ereignis des Kampfes von Laokoon ausgehend von dem in der Skulptur gezeigten Schlüsselmoment nach vorne und nach hinten entrollt, dann füllt er eine Leerstelle. Während beim Film aber nur manche Ereignisse nicht gezeigt werden, ist bei der Audio-Slideshow jedes Ereignis in den Bereich der Leerstelle verdrängt, sie muss vom Rezipienten grundsätzlich aus Andeutungen konstruiert werden. Dadurch verstärkt sich die Bedeutung der Tonspur, die diese Vorstellung anleiten kann. Bei der Audio-Slideshow treiben vor allem die Sprache, aber auch Geräusche die Handlung voran.
Aller Bewegung beraubt hat das Foto in der Audio-Slideshow eine andere Funktion als das bewegte Bild im Film. Man kann drei Arten unterscheiden, wie das Foto dazu beitragen kann, beim Rezipienten ein Ereignis im Sinne einer Leerstelle vorstellbar zu machen: (die Beispiele stammen aus meiner Audio-Slideshow über den Kino-Plakatmaler René Birkner):
In vielen Fällen wird ein Foto in einer Audio-Slideshow einen Moment einer Handlung zeigen (z.B. einen "fruchtbaren Augenblick" wie bei der Laokoon-Gruppe). Das Beispiel links, der Plakatmaler beim Malen, ist sicher ein Schlüsselmoment, weil man sich von ihm ausgehend einen Großteil dessen, was die Tätigkeit des Plakatmalers ausmacht, vorstellen kann.
Aber es gibt auch Fotos, die weniger prägnant sind und doch einen Moment darstellen, z.B. wie der Künstler in seinem LKW steht und das Plakat ansieht, kurz bevor er es ausladen und am Kino aufhängen wird.
Das Foto kann den Raum zeigen, in dem das Ereignis stattfindet, ohne dabei einen Moment des Ereignisses selbst zu zeigen. Das ist ein sehr typischer Effekt der Audio-Slideshow. Das Foto funktioniert in der Vorstellung des Rezipienten dann wie eine Bühne, auf der ein Ereignis aufgeführt wird, z.B. durch eine Erzählung des Sprechers oder durch Geräusche. Das Foto links zeigt den Bereich vor der Halle, in der der Plakatmaler malt. Auf der Tonspur hört man Schritte. Der Rezipient kann sich nun vorstellen, dass er selbst, der Reporter oder der Plakatmaler auf diese Halle zugeht.
Ein Foto kann einen Protagonisten oder einen einzelnen Gegenstand der Handlung abbilden. Tonspur und Text beziehen sich in der Audio-Slideshow typischerweise auf diese Objekte und geben Hinweise, wie diese für die Sinnstiftung der Erzählung eingesetzt werden sollen. Bereits das erste Foto des Protagonisten ermöglicht es uns, uns alle Handlungen von ihm mit seiner Gestalt vorzustellen.
Aber auch der fotografierte Pinsel wird von der Erzählung aufgegriffen, indem der Maler erklärt, welchen "Gestik" große Pinsel auf dem gemalten Plakat hinterlassen.
Bei der Verwendung des Fotos als Bühne oder als Objekt kann das Gezeigte der Fotos ("eine Straße", "ein Auto") in der Vorstellung des Rezipienten ähnlich wie ein Substantiv in einem Satz verwendet werden, während die Tonspur wie ein Verb genauere Hinweise zur zeitlichen Transformation gibt. An diesem Punkt deutet sich an, dass die Audio-Slideshow in ihrer Narration oft nicht den filmischen Codes folgt, sondern Gemeinsamkeiten mit der Grammatik eines Textes hat: Sie versucht mit ähnlichen Prinzipien, die Vorstellung einer Handlung in der Phantasie des Rezipienten zu steuern. Möglicherweise kommt daher der oberflächliche Eindruck, dass sie erzählerischer ist, dabei ist sie genauer betrachtet einfach nur "sprachlicher".
Die drei Arten der Verwendung sind natürlich in der Praxis schwer voneinander zu trennen - ein Schlüsselmoment zeigt beispielsweise immer auch ein Stück Bühne, aber man kann doch Schwerpunkte in der Funktion der Fotos für die Vermittlung von Ereignissen erkennen. Außerdem möchte ich betonen, dass diese Auflistung nur behandelt, wie das Denotat, also das pure Gezeigte, (das "buchstäbliche Bild", Barthes 1990:37) in der Audio-Slideshow eingesetzt wird. Daneben besteht noch die Konnotationsebene, die alles enthält, was ein guter Fotograf (wie ein guter Filmemacher) zusätzlich in seine Bilder legt: einen Stil, eine Pose, eine Stimmung, eine Ästethik. So kann das Bücherregal hinter dem porträtierten Wissenschaftler dessen Intellektualität ausdrücken oder das selbstbewusste Lachen und die Pose eines Politikers dessen Charakter. Diese Ebene der Interpretation betrifft aber nicht die Vermittlung von Ereignissen und füllt auch keine Leerstellen. Konnotationen sind wichtiger Teil der Erzählung, bestehen bei Foto und Film aber unabhängig von ihr.
Ich komme nun nochmal auf die Fähigkeit der Audio-Slideshow zurück, Ereignisse vorstellbar zu machen, anstatt sie wie ein Film zu zeigen. Wie bereits erwähnt, kann der Film auch Ereignisse vorstellbar machen - aber eben nur außerhalb des gezeigten Bildes. Egal ob der Film eine zeitgleiche Leerstelle neben dem Kamerasichtfeld schafft, die der Leser durch Geräusche und die Reaktion eines Gärtners deuten muss, ob er den Mörder beim Einpacken seiner Tatwerkzeuge zeigt und so eine Leerstelle für ein zeitversetztes Ereignis schafft wie bei Hitchcock, oder ob er eine Interviewsituation zeigt wie in den meisten Dokumentarfilmen und damit eine zweite Erzählebene aufmacht: Immer muss er ein anderes Ereignis zeigen, als das, welches er eigentlich vermitteln will. Auch aus den Nachrichten kennt man diesen Zwang: Wenn während einer Sitzung in einem Ministerium nicht gefilmt werden darf, dann zeigt man eben die Menschen, wie sie in den Sitzungssaal hineingehen und sich hinsetzen. Das eigentliche Ereignis wird von der Tonspur erläutert und mit dem Ersatzereignis bebildert. Zum Beispiel dieser alte Nachrichtenbeitrag, den ich im Netz gefunden habe.
Nicht selten lenkt uns das Ersatzereignis mehr ab, als es uns hilft, den eigentlichen Gegenstand der Erzählung zu erfassen. Mir blieb nach diesem Beitrag vor allem in Erinnerung, dass man in den 80er Jahren auf Pressekonferenzen noch geraucht hat sowie die spezifische Art und Weise, wie Staatssekretär Neusel am Ende mehrmals die Asche von seiner Zigarette klopft.
Nun ergibt sich aus dieser Technik des Films, mit Ereignissen zu erzählen, eine weitreichende Konsequenz, die etwas banal klingt: Wenn wir uns beim Betrachten eines Film ein Ereignis vorstellen, dann muss es ein anderes sein, als das, welches der Film gerade zeigt. Da die Audio-Slideshow keine Ereignisse zeigt, kann sie hingegen Ereignisse im gezeigten Bild als Vorstellung zulassen.
Um zu verdeutlichen, wie stark dieser Zwang beim Films ist, habe ich zwei Beispiele von einer Straßenkreuzung bei mir ums Ecke vorbereitet. Zuerst der Film:
Man sieht und hört Autos, die auf einer Straße fahren. Die Trambahn, die man in der Tonspur hört, wird ein Großteil der Rezipienten dem Off zuordnen, also in den Bereich außerhalb des Kameraausschnitts.
Und nun die Audio-Slideshow mit der gleichen Tonspur:
Hier können wir uns, verleitet durch die sichtbaren Gleise, die Fahrt der Straßenbahn durch den sichtbaren Bereich vorstellen. Im Film geht das nicht. Wir können nicht ein Ereignis an die Stelle denken, an der wir bereits ein anderes sehen. Der Film füllt das On komplett aus, er lässt hier keine Leerstellen für andere Ereignisse. Das gezeigte Ereignis verdrängt alle anderen Ereignisse, die wir uns an dieser Stelle vorstellen wollen. Auf dem leeren Foto können wir uns dagegen ein Ereignis vorstellen, weil wir wissen, dass durch den medial bedingten Stillstand dort niemals eines stattfinden wird.
Ereignisse werden in der Audio-Slideshow immer in der Vorstellung des Rezipienten entworfen. Foto und Ton übernehmen dabei spezifische Funktionen. Das Foto kann einen Moment des Ereignisses abbilden oder wie das Substantiv in einem Satz verwendet werden, während die Geräusche der Tonspur wie ein Verb funktionieren können. Die Audio-Slideshow ist dadurch ein sehr sprachliches Medium.
Da sie wichtige Funktionen für die Vermittlung von Ereignissen übernimmt, kommt der Tonspur in der Audio-Slideshow eine besondere Bedeutung zu.
Ich habe von Rezipienten oft gehört, dass sie die Audio-Slideshow als sehr konzentriert und intensiv empfinden - zum einen, weil das Foto durch seine Bewegungslosigkeit und Ereignisstille stärker zu Interpretationen auffordert. Aber auch deshalb, weil die Tonspur mehr Informationen über die Ereignisse tragen muss als im Film. Wer in einer Audio-Slideshow spricht, hat eine besonders hohe Aufmerksamkeit, er kommentiert nicht nur, sondern er vermittelt Ereignisse. Ein guter Journalist wird diese Aufmerksamkeit zu nutzen wissen; er wird die Lust zur Interpretation beim Rezipienten durch ausdrucksstarke Bilder fördern und ihn stärker durch die Reportage führen als der Sprecher eines Videobeitrags. Er wird versuchen, den Rezipienten authentisch, emotional und detailreich an den Ereignissen teilhaben zu lassen und versuchen, den Rezipienten über die Tonspur möglichst nah an die Welt heranzuführen, die sich hinter den Fotos verbirgt.
In journalistischen Videobeiträgen entstehen oft Leerstellen, weil für ein Ereignis kein Filmmaterial vorliegt. Wenn Fotos zur Verfügung stehen, die, wie oben beschrieben, bei der Vorstellung eines Ereignisses helfen, dann kann die Audio-Slideshow das Ereignis vorstellbar machen, ohne durch das Zeigen eines Ersatz-Ereignisses von der eigentlichen Aussage abzulenken. Die Audio-Slideshow kann ein Ereigniss dann direkter vermitteln. Ein Problem hat die Audio-Slideshow hingegen, wenn keine relevanten Bilder für ein Ereignis zur Verfügung stehen. Dann kann ein Filmbeitrag durch das Zeigen einer Interviewsituation (= Ersatzereignis) mehr Aufmerksamkeit erreichen als die Audio-Slideshow.
Zum Ende des Aufsatzes noch eine spitzfindige Einschränkung, denn es gibt keine Regel ohne Ausnahme: In seltenen Fällen muss der Rezipient sich auch im Film das Ereignis vorstellen, das er gerade sieht. Was zunächst paradox klingt, funktioniert dann, wenn das Gezeigte unzuverlässig ist und dadurch eine Leerstelle im On entsteht und dort ein anderes als das gezeigte Ereignis vorstellbar wird. Die folgende Szene aus dem Spielfilm 39,90 zeigt eine Autofahrt unter Drogen. Die Comicelemente signalisieren, dass das Gezeigte unglaubwürdig ist. Der Rezipient muss also versuchen, sich das wahre Geschehen parallel zum gezeigten Comicfilm vorzustellen: Und zwar im On: Fahren die Protagonisten wirklich ein Baby tot, wenn der Comicfilm dies zeigt? Die Zwischenschnitte mit den normalen Filmaufnahmen geben nicht ausreichend Aufschluss darüber, ob die Unfälle wirklich so brutal und tödlich verlaufen wie in der fröhlichen Comicwelt.
Literatur:
Mehr Theorie zur Audio-Slideshow:
Veröffentlicht am 10. Jun. 2009. in [/Journalismus/Theorie]
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Der Kollege Fabian Schweyher hat eine sehr interessantes Interview mit Regina McCombs geführt. Sie gilt als eine der bekanntesten Vertreterinnen des Multimedia-Journalismus in den USA und lehrt mittlerweile am renommierten Poynter Institute. Davor produzierte sie für die Star Tribune Videos, Audio-Slideshows sowie Multimedia-Pakete. Die US-Amerikanerin erhielt mehrere Preise für Fotojournalismus und multimediales Storytelling.
Veröffentlicht am 27. May. 2009. in [/Journalismus/Theorie]
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Audio-Slideshows sind keine komplett neue Erfindung: Neben der Multimedia-CDROM aus den 90er Jahren sind vor allem vertonte Dia-Shows Vorläufer des neuen Reportage-Mediums. Im Bereich des Reiseberichts können Profis wie der Münchner Michael Martin heute noch Säle füllen - und erstaunlicherweise über zwei Stunden die Zuschauer fesseln.
Aus dem Grund habe ich mir vor einiger Zeit die Dia-Show "Wüsten der Erde" angeschaut, bei der Martin live zu seinen Bildern spricht und dabei ein paar Notizen gemacht. Was mir auffiel:
Und was wir Journalisten ganz am Schluss noch von Martin lernen können: Er holt sich sein Geld direkt von den Zuschauern!
Veröffentlicht am 08. Apr. 2009. in [/Journalismus/Theorie]
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Reportagen und Porträts lassen sich im Internet dank Audio-Slideshow besonders emotional und persönlich erzählen. Videos und Bildergalerien waren lange die Favoriten in den Onlineredaktionen. Doch langsam etabliert sich die Audio-Slideshow im journalistischen Alltag - auch wenn sie pro Leser nur einen Klick bringt. von Matthias Eberl
Man hört die Schritte auf dem nachtfeuchten Weg, der um die finnische Marineschule bei Helsinki herumführt. Die Bilder zeigen den Kadetten Marko Merenheimo in voller Uniform auf dem nächtlichen Kontrollgang. Dann stoppt die Klaviermusik, die im Hintergrund zu hören war. In einem Zimmer brennt noch Licht. Merenheimo betritt das Gebäude und hört Schritte auf dem Parkettboden. Aber niemand ist da. Dann eine Tür, ein Knarzen und für eine Sekunde, so erzählt der Kadett, sieht er ihn: Den Geist eines Marineschülers, der sich vor Jahren aus Liebeskummer umgebracht hat.
Bei manchen Onlineangeboten erscheint sie fast täglich, so etwa bei all-in.de, der Website der Allgäuer Zeitung. Oft sieht man sie derzeit auch bei sueddeutsche.de, wo alle paar Wochen eine neue erscheint. "Noch viel zu wenig", meint Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs. Die Rede ist von Audio-Slideshows. Die Reportage über den Geist, der an der Marineschule bei Helsinki wie ein Maskottchen verehrt wird, ist eines der ältesten Exemplare im Internet - und taugt immer noch als Vorbild.
In den USA hat sich das Medium seitdem längst im journalistischen Alltag etabliert. In Deutschland wurden Audio-Slideshows vor 2006 nur sehr vereinzelt eingesetzt, danach gingen sie im Videoboom verloren. Doch jetzt scheint sich für das Medium ein Durchbruch anzudeuten. Eine Audio-Slideshow läuft wie ein Video in einem Player ab und kombiniert Fotos mit Geräuschen, Musik und Sprache beziehungsweise Text. Und sie ist das erste wirklich neue Medium für Reportagen im Netz.
Hans-Jürgen Jakobs schätzt die Bedeutung dieses Mediums für den Onlinejournalismus sogar höher als die des Videos. Auf sueddeutsche.de wünscht man sich den multimedialen Schwerpunkt eindeutig auf der Audio-Slideshow. Diese sei ästhetischer, künstlerischer und konzentrierter als die meisten Videobeiträge, sagt Jakobs. Zudem klicken User die Audio-Slideshow auch häufiger an. Seiner Meinung nach bringe das Medium den Onlinejournalismus weg vom "eindimensionalen Artikelschreiben" - hin zur emotionalen und persönlichen Reportage.
Gerade wer über professionelle Fotografen verfügt, hat mit der Audio-Slideshow ein zusätzliches Verbreitungsmedium, um dieses Potential zu nutzen. Für die Olympiaberichterstattung schickte die Onlineredaktion der Süddeutschen die mit Preisen ausgezeichnete Hausfotografin Regina Schmeken nach Peking. Die stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Bilder wurden dann für tägliche Slideshows verwendet, die teilweise mit Ton besprochen waren.
Auch faz.net spielt mit wöchentlichen Veröffentlichungen eine Vorreiterrolle.
Multimediachef Robert Wenkemann favorisiert zwar Video, hält die Audio-Slideshow aber für das emotionalere Medium. Egal ob der Fotograf zu den Bildern spricht oder die porträtierte Person selbst: Besonders eindrucksvoll sei das Medium, wenn persönliche Erlebnisse zu den Bilder erzählt werden können.
Ein Vorteil gegenüber Film sei die Kontrolle über die Zeit der Geschichte, so Wenkemann: Die Audio-Slideshow könne sich und dem Zuschauer Zeit lassen, um etwas näher zu betrachten, sie könne Sequenzen von Bewegungen schneller oder langsamer zeigen, könne anhalten und sich auf etwas konzentrieren - ohne dabei unnatürlich zu wirken.
Für andere Redaktionen ist die Audio-Sideshow ein selten eingesetztes Medium, das aber trotzdem seine Nische gefunden hat. Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht etwa monatlich eine Audio-Slideshow, um zum Beispiel spannende Menschen zu porträtieren, erklärt Redaktionsleiter Sebastian Holzapfel.
Spiegel Online konzentriert sich dagegen auf Videos, weil die Audio-Slideshow kein schnelles Nachrichtenmedium ist. Generell wolle man diese Erzählart aber auch in Zukunft nutzen, meint Multimediachef Jens Radü: immer dann, wenn ein Bild mehr ausdrückt als ein Film. Das könne für emotionale Themen ebenso zutreffen wie für wissenschaftliche Berichte. Vor allem für das neue Portal einestages.de sei die Audio-Slideshow geeignet.
Einen - besonders aus Verlagsmanger-Sicht - nicht zu vernachlässigenden Nachteil bringt die Audio-Slideshow allerdings mit sich: Gegenüber einer reinen Bildergalerie lassen sich mit ihr deutlich weniger Klickzahlen erzielen. Wie beim Video lässt sich aber auch bei der Audio-Slideshow ein Werbefilm vorschalten. Bei der Einführung ist es wichtig, die Leser an das neue Medium zu gewöhnen. Eine einheitliche Namensgebung, Symbole in den Teasern und die Schaffung einer eigenen Seite mit Multimediabeiträgen helfen dabei.
Der größte Unterschied zum Film liegt in der Wahrnehmung von Fotos. Ein Film wird wie Gegenwart wahrgenommen: Der Zuschauer hat beim Schauen die Vorstellung, selbst vor Ort zu sein. Bei der Betrachtung eines Fotos ist das anders. Ein Foto nimmt man eher als etwas Abgeschlossenes und Vergangenes wahr. Diese Distanz muss ein Vermittler überbrücken und mit seiner Stimme den Rezipienten durch die Bilder führen. In dieser Besonderheit liegt aber auch eine Stärke der Audio-Slideshow: Durch die Bedeutung des sprechenden Vermittlers ist sie ein Fantasiemedium, eher vergleichbar mit einem Text.
Mit Worten lassen sich beim Rezipienten visuelle Vorstellungen auslösen, man kann Ereignisse beschreiben, bei denen keine Kamera dabei war, Gedankenspiele anstellen oder abstrakte Sachverhalte beschreiben. Diese Bereiche sind gleichzeitig die Schwächen des Films, weil er einem ständigen Zwang zur Visualisierung unterliegt. Vom Film erwarten Zuschauer, dass er Bewegungen und Vorgänge zeigt.

Die Audio-Slideshow unterliegt diesem Zwang nur teilweise. Sie liefert Bilder, aber keine sich abspielenden Ereignisse. Ein Bild von einem Zimmer, einer Straße oder einer Landschaft gibt einen Raum und einen Moment vor. Wenn dazu ein Sprecher erzählt, was in diesem Raum geschehen ist oder geschehen wird, kann der Zuschauer den Moment des Bildes als Ausgangspunkt nehmen, um das Erzählte in seiner Fantasie zu entrollen. Geräusche unterstützen diesen Vorgang. Die Möglichkeit, Momente, Räume, Akteure und Gegenstände durch Geräusche und gesprochenen Texte zu einem geistigen Film zu erweitern, ist ein entscheidender Vorteil der Audio-Slideshow. Wer eine Audio-Slideshow produzieren möchte, dem stehen vier grundlegende Darstellungsformen zur Verfügung (siehe auch: Typologie der Audio-Slideshow.
Eine einfache Weiterentwicklung der Bildergalerie ist die Audio-Slideshow, die mit Musik, Geräuschen oder zusammenhanglosen O-Tönen unterlegt ist und lediglich Impressionen wiedergibt. Diese Form kann gut als Ergänzung zu einem Artikel eingesetzt werden. Eine solche Audio-Slideshow ist in wenigen Stunden produziert - aber erzählt in den meisten Fällen keine Geschichte.
Am häufigsten wird die Story durch einen Off-Sprecher vermittelt. In der Praxis ist die Vermittlung über einen Sprecher sehr einfach, weil man den Text nach dem Termin auf die Fotos maßschneidern kann. O-Töne von Protagonisten können zusätzlich in die Erzählung eingebunden werden. Ein Beispiel für solch eine Audio-Slideshow ist mein Beitrag Drei Jahre nach dem Tsunami, der bei Spiegel Online erschienen ist. Die Vermittlung durch einen Sprecher macht die Audio-Slideshow aber auch sehr distanziert, weil niemand eine persönliche Brücke zur Vergangenheit der Fotos schlägt.
Der Journalist kann in seiner eigenen Reportage als Figur auftreten. Auch wenn diese Form der Vermittlung für Textjournalisten ungewohnt ist: Für die Audio-Slideshow ergibt sich durch den anwesenden Journalisten vor allem der Vorteil, dass dieser die Vergangenheit, aus der die Fotos stammen, glaubhafter und intensiver vermitteln kann als ein Off-Sprecher. Auch für Fotografen ist diese Form des Erzählens interessant: Sie können die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe zu ihren Fotos persönlich an die Leser vermitteln. Der Sprachduktus ist meist freier und umgangssprachlicher als bei einem Sprecher. Wichtig ist, sich zu Beginn mit Bild vor Ort in die Reportage einzuführen, um sich als authentischen Vermittler der fotografierten Vergangenheit zu etablieren.
Ein gelungenes Beispiel für die Vermittlung über eine anwesende Journalistenfigur ist die amerikanische Slideshow Greetings from the Jersey Shore, in der die Fotografin Amy Toensing für National Geographic von den Besonderheiten des Urlaubsortes erzählt.
Ein Protagonist kann auch selbst durch die Reportage führen. Es gibt keinen Sprecher mehr, sondern nur noch die Stimme eines Mitwirkenden. Dieser Modus ist für den Rezipienten am unmittelbarsten. Für die Audio-Slideshow problematisch: O-Töne sind generell schwieriger zu bebildern als im Film. Im Film ist der Zuschauer bei einem Interview quasi anwesend, Fotos von sprechenden Menschen werden ihn dagegen schnell langweilen. Aus demselben Grund funktionieren Schnittbilder in der Slideshow nicht. Um Bilder und O-Töne optimal zu verbinden, muss vorher überlegt werden, ob das geplante Interview Anknüpfungen für die Fotos liefert (besonders schwierig, wenn der Protagonist viel aus einer fernen Zeit oder einem fernen Raum erzählt). Leichter wird es, wenn man das Interview zuerst aufnimmt und schneidet und an einem zweiten Termin Fotos macht, die gezielt den O-Ton bebildern. Am besten wird die Verbindung, wenn sich Journalisten für die Variante entscheiden, die an das Zeigen von Urlaubsfotos erinnert: Man zeigt dem Gesprächspartner bei laufendem Mikro die Fotos, die man vorher gemacht hat. Der Protagonist wird von den Fotos zum Erzählen angeregt und bewegt sich oft ohne Eingriff des Journalisten ganz nah am Bildmaterial. Ein schönes Beispiel für eine solche Arbeitsweise ist das Porträt über den Turner Fabian Hambüchen von Christiane Moravetz und Andreas Brand, die auf faz.net veröffentlicht wurde.
Als Journalist kann man eine Audio-Slideshows auch ohne Grafiker einfach herstellen: Die Software Soundslides (ab ca. 27 Euro) erstellt aus Fotos und einer Sounddatei eine fertige HTML-Seite inklusive Flash-Player. Die meisten Journalisten und Redaktionen in Deutschland nutzen diese Software. Den Tonschnitt kann man mit dem kostenlosen Audacity erledigen. Wer kein Photoshop oder ein ähnliches Grafikprogramm hat, kann für die Bildbearbeitung das kostenlose Paint.net nutzen. Neben einer Kamera und einem leichten Stativ benötigt der Multimediajournalist ein digitales Aufnahmegerät mit USB-Anschluss. Der Zoom H2 (ca. 200 Euro) oder der Yamaha Pocketrak 2G (ca. 300 Euro) sind gute und günstige Einsteigermodelle mit eingebautem Stereo-Mikrofon. Wer mit verschiedenen professionellen Mikrofonen arbeiten möchte, für den empfiehlt sich ein Gerät mit einem besseren Mikrofonverstärker, zum Beispiel der Fostex FR-2 LE oder die Marantz PMD Serie. Weitere Alternativen unter 500 Euro sind Tascam DR-1, Sony PCM-D50 und Olympus LS-10. Neben einem Reportagemikrofon (zum Beispiel ein AKG D230) sollte man dann auch ein Stereomikrofon für Atmo-Aufnahmen dabeihaben (etwa ein Rode NT4). Für Eindrücke von Audio-Slideshows lohnt es sich, regelmäßig bei interactivenarratives.org vorbeizuschauen. Dort gibt es eine täglich aktualisierte Sammlung englischsprachiger Multimediaproduktionen. Besonders aufwendige Audio-Slideshows findet sich auch bei mediastorm.org.
Matthias Eberl arbeitet in München als freier Multimediajournalist und betreibt das Weblog rufposten.de.
Veröffentlicht am 02. Nov. 2008. in [/Journalismus/Theorie]
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Mitglieder des DJVs haben den Artikel vielleicht schon bemerkt, den ich für die Septemberausgabe des "journalist" geschrieben habe: Neben einer vereinfachten und auf die praktische Arbeit bezogenen Version meiner
Typologie enthält der Artikel auch Tipps für den Einstieg und einige Statements von Chefs deutscher Onlinemedien. Dabei gleich eine Entschuldigung: Diese Statements sind natürlich nur eine ganz kleine Auswahl. Ich weiß, dass es viele weitere Lokalzeitungen, Onlineangebote und Verlage gibt, die viel mit der Audio-Slideshow arbeiten. Ich freue mich über Meldungen in den Kommentaren.
Außerdem noch eine Korrektur: Ich weiß selbst nicht genau, wie Hans-Jürgen Jakobs in seiner Aussage auf etwa eine Audio-Slideshow täglich kommt. Meine Beobachtungen in den letzten Wochen konnten diese Angabe nicht bestätigen. Von Regina Schmeken kam während Olympia nur eine Audio-Slideshow, der Rest waren Slideshows ohne Ton. Evtl. lag hier ein Missverständnis vor und Jakobs bezog Slideshows, die mit Untertiteln arbeiten, in seine Zählung mit ein - was auch nicht ganz falsch ist, da die Slideshow ohne Ton und mit Text nicht so anders funktioniert. Die Abgrenzung zur Bildstrecke ist hier fließend. Ich hätte bei dieser Angabe nochmals nachhaken sollen - evtl. entstand jetzt durch dieses Versäumnis der Eindruck, die SZ würde bei ihrer Angabe übertreiben.
Im Oktober wird ist der Artikel hier mit freundlicher Genehmigung der journalist-Redaktion erscheinen erschienen:
Moderne Diashows
Veröffentlicht am 05. Sep. 2008. in [/Journalismus/Theorie]
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Ich habe meinen Aufsatz
Typologie der Audio-Slideshow nochmals überarbeitet. Ich unterscheide nun fünf Typen: die journalistisch wichtige Form der Audio-Slideshow, die nur Impressionen darstellt, musste unbedingt erwähnt werden (Typ Ohne narrative Vermittlung). Außerdem habe ich weitere Beispiele eingefügt.
Veröffentlicht am 17. Aug. 2008. in [/Journalismus/Theorie]
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Achtung, jetzt gehts um Details: Während Benjamin von Medialism sich Gedanken über die Dauer eines Photos in der Audioslideshow machte, habe ich ein wenig mit Bewegung in der Audio-Slideshow experimentiert. Wer selbst Audio-Slideshows macht, kann aus den Testreihen vielleicht einen theoretischen Nutzen ziehen, alle anderen muss ich enttäuschen: die vier Mini-Slideshows sind inhaltlich weder interessant noch gut produziert. Die Frage war, wie man Bewegung durch einen Raum in Photos umsetzt: Bildet man die Bewegung auf den Photos mit ab (Ego-Perspektive)? Zeigt man statisch den Raum, in dem sich die Bewegung hörbar abspielt? Oder bebildert man die Bewegung gar nicht? Ich finde Testreihe 3 am Besten, weil sich durch den Ton die Bewegung im statischen Bild nacherleben lässt. Die ästethischen Bilder aus Reihe vier harmonieren dagegen am besten mit den Stellen, an denen keine Bewegung zu hören ist und an denen Abstraktes erzählt wird.
Veröffentlicht am 14. Jul. 2008. in [/Journalismus/Theorie]
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