Der Angriff des Computers auf das Erzählkino (MP3, 27min) ist ein halbstündiges Radio-Feature, das eine Krise der Zeit im Film konstatiert und das Computerspiel als Ursache dieser Änderung sieht. Der Beitrag zitiert zahlreiche Stellen aus dem längeren Aufsatz des Medienwissenschaftlers Lev Manovich, der 1997 bei Telepolis veröffentlicht wurde: Was ist digitaler Film?. In dem Beitrag wird die These aufgestellt, dass das Compuzterspiel die lineare Narration des Films mehr und mehr auflöst.
Obwohl der Beitrag großartig und informativ ist, gefällt mir die etwas unsaubere Trennung zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit nicht. Die Unterschiede im Inhalt und in der Rezeption werden durcheinandergeworfen. Ein Buch ist in der Rezeption ebenso wie ein Computerspiel zeitlos, der Film und der Ton hingegen determiniert. Das ändert nichts daran, dass die inhaltliche Zeit bei Computerspiel, Film oder Buch frei definierbar ist. Wenn es hier Brüche und Änderungen gibt, so wie bei "Und täglich grüßt das Murmeltier" oder "Memento", dann ist das viel eher Zeichen dafür, dass ein Medium und sein Publikum bereit für Experimente sind. Genau das ist es aber, was dem Computerspiel weitgehend fehlt und wenn, dann als Entlehnung aus dem Film oder dem Comic auftritt. Verwirrungen in der linearen Erzählzeit, der Bruch von Genrekonventionen und Reflexionen über die eigene Medialität sind Eigenschaften, die sich beim Computerspiel gerade erst zu entwickeln beginnen.
Das Bild habe ich auf einer Kursbeschreibung über visuelle Spielzeuge im 18. und 19. Jahrhundert von Baumgaertel gefunden.
Veröffentlicht am 14. May. 2006. in [/Wissenschaft/Theorie]
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