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"Making of" und theoretische Überlegungen

Audio-Slideshow zum Tsunami in Indien

boot_indien_strand.jpg

Bei Spiegel Online ist heute meine Audio-Slideshow erschienen, die über den Verbleib der Spendengelder in einem indischen Fischerdorf berichtet. Im folgenden werde ich ein paar Erfahrungen mit diesem Medium zusammenfassen.

"Drehbuch"

Begonnen habe ich die Reportage mit einer klaren Idee: Ich wollte zeigen, was für wieviel Spendengelder gekauft wurde. Mit diesem Konzept habe ich mich an Matthias Laubscher gewandt, den ich aus meiner Promotionszeit an der Uni München kenne. Wir haben dann einige Beträge ausgewählt, die sich gut für Photo und Ton eignen. Später zeigte sich allerdings, dass die Spendenaktion komplexer ist als ich dachte, weil sie mittlerweile wie eine langfristige Entwicklungshilfe funktioniert. Diese Nachricht musste ich unbedingt unterbringen. Persönliche Details über die Fischer oder Matthias Laubscher musste ich zu Gunsten von diesem Plot völlig ausblenden.

"Drehtage"

raman_ich.jpgDer Aufwand vor Ort war größer, als man vielleicht denkt. Ich musste zahlreiche Termine vereinbaren, damit ich Photos und Tonaufnahmen von den Aktivitäten rund um die Schule machen konnte. Einen Tag war ich bei den Fischern im Dorf, einen halben Tag habe ich die Kinder beim Essen und die Nähschule besucht und mir Details zum Spendenprojekt erklären lassen. Am dritten Tag Tag habe ich die Bild- und Tonaufnahmen des Mädchens mit den Schulheften gemacht. Sie ist einer der Höhepunkte der Reportage, finde ich. Am Nachmittag musste ich warten bis der Physiotherapeut und das Auto mit den behinderten Kindern kam. Am Abend des dritten Tages habe ich Raman bei seiner Puja aufgenommen.

Ausrüstung

Momentan arbeite ich mit einer Canon EOS 30D, dem WAV-Recorder Fostex FR-2LE, einem Monomikro (AKG D230), einem Stereomikrofon (Roede NT4) und einem kleinen Stativ.

Narration

Nachdem meine andere Slideshow aus Indien über ein deutsches Mädchen aus der spirituellen Siedlung Auroville nicht nur wegen schlechten Photos, sondern auch wegen einem grundsätzlichen Fehler in der Narration nicht sendefähig war, habe ich mir den Kopf zerbrochen darüber, wie die Reportage optimal aufgebaut werden sollte. Ich wollte Zeitsprünge vermeiden und die Geschichte in dem Raum und der Zeit belassen, aus der auch die Photos stammen. Intuitiv wollte ich den Text aber immer mit der Katastrophe beginnen: "Als am 26.12.2004 ein Tsunami blabla, spendeten Millionen Deutsche". Aber ich hatte keine Bilder von der Katastrophe und wollte besonders darauf achten, dass jedes Bild mit dem Text korrespondiert. Der Trick war schließlich, zuerst das heutige Fischerdorf in der Erzählung zu etablieren, und dann eine ganz kurze Rückblende im Plusquamperfekt auf die Katastrophe zu machen: "Der Tsunami hatte alle Hütten und einen Großteil der Boote zerstört." Hilfreich ist außerdem, dass ich keine O-Töne habe, die wild in die Vergangenheit referenzieren. Während der Film solche Zeitsprünge mit sprechenden Protagonisten und Schnittbildern unterlegt, scheitert die Audioslideshow daran, dass sie O-Töne nicht als gegenwärtig wahrgenommene Erzählsituation wiedergeben kann. Die stehenden Bilder einer Interviewsituation bilden immer eine eigene Vergangenheit, sie werden nicht gegenwärtig wahrgenommen als würde der Zuschauer selbst dem Protagonisten zuhören. Ich habe noch keine Idee, wie die Audioslideshow mit O-Tönen umgehen kann, die in die Vergangenheit gehen, wenn es für diese Passagen keine Photos gibt. Bei nächster Gelegenheit werde ich eine essayistische Slideshow erstellen, bei der ich als Reporter vorkomme und zur Vergangenheit der Bilder und O-Töne vermittle. Zum Beispiel: "Herr Müller erzählte viel aus seiner Jugend." O-Ton mit Bildern von der Aufnahmesituation: "Ich bin in einem sogenannten Glasscherbenviertel aufgewachsen".

Musik

Ich habe den Song "Backwards" von Hans Christian bei Magnatune.com für Verwendung in einem "Audio-Project" lizensiert. Bei einem Budget von 100$ kostet das etwa 7$, bei einem Budget von 1000$ kostet es 70$. Man kann aber auch direkt mit Teresa von Magantune einen Tarif dazwischen aushandeln. Teresa hat außerdem angekündigt, dass Zwischenstufen geschaffen werden, da kleine journalistische Produktionen oft genau zwischen diesen Werten liegen.

Technischer Ablauf

Auch die Produktion war erheblich aufwändiger, als ich zunächst gedacht hatte. Jedes der ca. 40 Bilder in der Slideshow musste einzeln bearbeitet werden. Die zwölf O-Töne, die die Bilder lebendig werden lassen, mussten ebenfalls einzeln bearbeitet und geschnitten werden. Da die Software Soundslides nur eine Ton-Spur erlaubt (ein ganz großer Nachteil!), muss die Tonspur im Schnittporgramm ständig angepasst werden, wenn man Bilder in der Zeitleiste von Soundslides verschiebt. Ein klares Drehbuch, in dem bereits Bilder neben dem Text stehen, vermeidet zu viele Änderungen bei der Produktion. Weil ich erst eine Rohfassung produziert habe und erst nach erneuten Textänderungen die Endfassung, hatte ich einen Aufwand von einigen Arbeitstagen. Ich denke aber nicht, dass ein geübter Journalist eine gute Audioslideshow mit Atmo in weniger als acht Stunden produzieren kann.
Nach der Produktion habe ich meine Reportage an Jens Radü gesendet, der bei Spiegel Online für Multimedia zuständig ist und mich vor einigen Monaten auf Audio-Slideshows angesprochen hatte. Dort hat ein professioneller Sprecher meinen Text gesprochen und ich musste die Tonspur und die Bilder erneut anpassen. Außerdem ergaben sich noch einige technische Hürden, bis die Slideshow auf dem Server war. Ich kann jedem Journalisten empfehlen, Slideshows mindestens zwei Wochen vor einem geplanten Sendetermin einzureichen. Die Redaktionen sind nicht auf solche Medien vorbereitet.

Bezahlung und Aufwand

Multimedia-Journalismus steht ganz am Anfang. Will man hier weiterkommen, muss man einen enormen Idealismus aufbringen und darf sich nicht von technischen und institutionellen Widerständen abschrecken lassen. Ich hatte enorme Ausgaben für die Aufnahmegeräte und mein Mini-Tonstudio. Ich habe in Indien geschwitzt, mich mit Rikschafahrern gestritten, wurde fast von einem Moped angefahren, habe mir meine Kamera klauen lassen und für die Mücken geblutet. Hätte ich nicht Matthias Laubscher gekannt, hätte ich noch mehr Zeit benötigt, um überhaupt Einblick in die Verhältnisse vor Ort zu bekommen. Dann habe ich einen Tag am Text gefeilt, mehrere Tage an den Bildern und am Ton gearbeitet. Ich bin sehr zufrieden mit der Slideshow, die so locker daherkommt als wäre sie in zwei Stunden produziert worden. Das Gehalt, das war von Anfang an klar, kann hier nur symbolisch sein. Für die Zukunft gilt aber: Wenn Multimedia-Journalismus öfters zu sehen sein soll, dann müssen beide Seiten nachlegen: Ich als Journalist muss so ein Ding im Normalfall innerhalb von 1-2 Tagen erledigt haben. Und die Redaktion muss diese 1-2 Tage zahlen. Und nicht nur ein paar Stunden.

Ich bedanke mich nochmal bei Matthias Laubscher und Raman für die geduldige Unterstützung bei diesem Projekt. Genauere Informationen zu seiner Spendenaktion finden sich unter linkhilfe.de. Außerdem danke ich Jens Radü von Spiegel Online, der sich sehr bemüht hat, damit die Reportage pünktlich und in guter Qualität bei Spiegel Online erscheint.

Veröffentlicht am 26. Dec. 2007. in [/Eigene_Projekte] Kommentare: 2

Fiete Stegers wrote at 2007-12-28 11:55:

Hi Matthias,

ein schönes Stück und vor allem interessant, die ausführlichen Erläuterungen zu lesen.

Hattest du mal überlegt, in die Slideshow vielleicht noch eine Grafik mit den Spenden-Summen oder eine Karte mit der Lage des Dorfs einzubinden? Es hätte den Flow vielleicht ein wenig durcheinandergebracht, wäre aber eine interessante Information gewesen.

Alexander Knorr wrote at 2008-01-02 14:54:

Herzlichen Glückwunsch zur Audio-Slideshow, sie gefällt mir sehr gut, und zur Veröffentlichung auf Spiegel Online. Und auch noch ein gutes neues Jahr bei der Gelegenheit.

--alex/zeph


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