Ich werde oft gefragt, wie lang eine Audio-Slideshow sein muss. Meine Antwort: Wenn man es sich leicht machen will 3-5 Minuten. Alles darüber hinaus verlangt narrative Planung.
Es gibt sicher keine Standardlösung für den Spannungsaufbau, wenn man zehn Minuten oder zwanzig Minuten erzählen will. Aber es geht: Der beste Beweis ist eine der ältesten Audio-Slideshows, I Photograph to Remember, ein frühes Werk aus dem Jahr 1993, das zunächst auf CD erschien.

Die essayistische Erzählung des mexikanischen Fotografen Pedro Meyer nimmt sich viel Zeit und trotzdem fesselt sie den Zuschauer über eine Länge von 35 Minuten. Natürlich liegt das an der Erzählstimme, der man gerne zuhört. Auch an dem Gegenstand der Erzählung, eine prototypische Familiengeschichte aus dem 20. Jahrhundert, die sehr menschlich über Kindheit, Krieg, Liebe und Tod erzählt. Aber es ist vor allem das erzählerische Geschick von Pedro Mayer, wie er einzelne Momente seines Lebens in Bild und Text aneinanderreiht und sie pointiert mit Emotionen oder Erkenntnissen füllt. Für mich am schönsten war das auf den ersten Blick belanglose Foto des Vaters, wie er auf einem Sessel mit den Händen schlägt und so tut als wären es Flügel. Was die Erzählung in kurzer Zeit in diesem Bild an Gedanken und Emotionen über das Leben, über Hoffnung, über Träume und über Erziehung öffnet, ist fantastisch. Wer diese Kunst beherrscht, dem höre ich auch zwei Stunden zu.
Veröffentlicht am 26. Jul. 2010. in [/Journalismus/Multimedia-Reportagen]
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Vor einigen Wochen hat in Hannover das Lumix Foto--Festival stattgefunden und dort wurde ein Preis für Multimedia-Produktionen vergeben. Die Beiträge konnte ich mir vor Ort alle auf einem großen Bildschirm mit Kopfhörern anschauen. Sie sind alle sehenswert und waren teilweise weit über dem üblichen Niveau in Deutschland. Einige davon gibt's auch im Internet. Hier eine Liste meiner Favoriten:
Roberto Boccaccino über die Stadt, in der Lego zu Hause ist. Schönes Beispiel, dass man mit Fotos und Musik immer noch eindrucksvolle Audio-Slideshows machen kann, die eine künstlerische Botschaft tragen.
Where Beauty Softens Your Grief

Ein wunderbare Geschichte über die Schönheit der Toten. Gianni Cipriano fügt Musik, Geräusche und sehr gute Fotos mit einem streckenweise durchaus abstrakten und informativen Interview perfekt zusammen, so dass es eine fesselnde Geschichte ergibt. Und selbst fürs Ende hatte der Autor noch eine kreative Idee.
Auch bei Maisie Crow geht es um den Verlust: Ein alter Mann erzählt, wie sein Leben ist, seitdem seine Frau gestorben ist. Ein emotionales Thema, dass sehr unaufgeregt und technisch sehr gut produziert ist. Von allen Reportagen mit Videoabschnitten funktionieren hier die Übergänge am besten, weil die Person vor einer schwarzen Wand spricht. Im Gespräch mit Kollegen hatte ich das bereits theoretisiert: dadurch verliert das Videointerview seine zeitliche und räumliche Einordnung und stört die vom Erzähler in den Bildern mühsam aufgebaute Vergangenheit der Bilder nicht so stark. Der sparsame Gebrauch von emotionaler Musik hebt das Portrait von anderen Werken aus den USA ab.
Eine schöne, bewegende Geschichte über die Pflegemutter eines autistischen Kindes, mit tollem emotionalen Musikbett. Eli Meir Kaplan praktiziert hier einen ganz behutsamen Wechsel zwischen Foto und Film. Der Beitrag leidet aber etwas an einer zu großen Bild-Ton-Schere und einer schlechten Tonqualität.
Diese Audio-Slideshow von Mathias Christensen besticht durch extrem beeindruckende Fotos und das Thema ist durchaus spannend, aber beides findet leider nicht richtig zusammen. Die starken Fotos bestehen visuell mühelos den Wechsel mit den gefilmten Interviewpassagen, letztere sind aber nicht klar genug pointiert für die Geschichte. Störend für den europäischen Geschmack ist vielleicht die etwas aufdringlichen Klavierspur.
Jericos - a story of mud, smoke and velocity in the heart of the Amazon

Diese faszinierende Arbeit von Anderson Schneider kombiniert großartige Schwarz-Weiß-Fotos mit Musik und Geräuschen. Sehr schön anzusehen!
Benidorm - Das verlorene Paradies

Diese Slideshow von Nicole Strasser wartet schon länger in meiner Linkliste auf eine Erwähnung in meinem Weblog: Ich war selbst einmal in Benidorm, aus der gleichen Neugierde an dieser kleinbürgerlichen Urlaubskultur. Und diese Reportage hat mir den Mikrokosmos Benidorms nochmal näher gebracht. Ein klassisches Portrait, sehr unterhaltsam, obwohl man nach ca. vier Minuten doch etwas einen Spannungsbogen oder einen narrativen Aufbau vermisst.
Veröffentlicht am 21. Jul. 2010. in [/Journalismus/Multimedia-Reportagen]
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Ein älterer Klassiker unter den Audio-Slideshows ist wieder online:
Haiti, the eroding nation (von 2004). Die Zeitung hat glücklicherweise auf die vielen User-Anfragen reagiert und die Slideshow technisch erneuert, so dass sie wieder abspielbar ist. Beim erneuten Anschauen ist mir die Einleitung aufgefallen: Hier wird kurz und knapp der Inhalt der einzelnen Kapitel vorgestellt. Ich bin ja kein Freund von solchen unterteilten, interaktiven Multimedia-Beiträgen. Aber hier ist das wirklich gut gelöst. Mehr in meiner uralten Kritik zu der Reportage.
Veröffentlicht am 13. Jul. 2010. in [/Journalismus/Multimedia-Reportagen]
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Neu mit dabei im kleinen Kreis deutscher Multimedia-Journalisten sind zwei Gelsenkirchner: Der freie Radio-Journalist Michael Voregger hat bereits zwei schöne Lokalgeschichten auf seiner neu gegründeten Multimedia-Seite
a40media publiziert, die Fotos stammen von Andreas Weiss.
Eine der zwei Audio-Slideshows, ein Feature über eine Gewürzmühle aus den 30er Jahren ist ein denkbar schönes Thema, weil sich hier stimmungsvolle Motive mit spannenden Geräuschen kombinieren.

Der Ort und das Thema wird von einem heterodiegetischen Sprecher schön eingeführt und dann entspannt sich ein Radio-Feature mit Bildern, in dem auch zwei Protagonisten immer wieder zu Wort kommen. Eine Mischung, die selten im Bereich der Audio-Slideshow zu sehen ist, obwohl sie gut funktioniert.
Schon öfters ist mir aufgefallen, dass Slideshow-Produzenten aus dem Radiobereich ein besonders gutes Gespür für Pausen haben und so schweigt der Sprecher an einigen Stellen um Platz für die hörenswerten Geräusche zu machen - das ist vorbildlich. Die Verknüpfung zwischen Bild und Ton ist allerdings oft nicht gut gelungen, teilweise erzählt der Sprecher etwas und die Bilder helfen mir nicht, mir das vorzustellen. Auch die aufgezählten Gewürze hätte ich gerne im Moment ihrer Erwähnung gesehen und nicht am Ende zusammen mit dem unpassenden Geräusch einer Maschine. Insgesamt aber ein inspirierendes Beispiel, vor allem wegen der interessanten und gut gelungenen Mischung aus Sprecherstimme und Protagonisten.
Veröffentlicht am 21. Jun. 2010. in [/Journalismus/Multimedia-Reportagen]
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Manchmal werde ich gefragt, welche Themen denn für die Audio-Slideshow besonders gut geeignet sind. Ich quäle mich immer mit dieser Frage, weil ich es schade fände, wenn durch solche Festschreibungen viele Themen gar nicht mehr ausprobiert werden. Aber man kann nicht leugnen, dass es Themen gibt, die in einer Audio-Slideshow einfach immer gut funktionieren. Künstler z.B., die über ihre Werke sprechen. Noch besser ist es dann natürlich, wenn die Vermischung von Tönen und Bildern selbst Thema des Künstlers ist, so wie bei der synästhetischen Malerin Christine Söffing. Kollege Fabian Schweyher hat einen kurzen und richtig guten Beitrag über sie für die ARD gemacht: Wenn Klaviertöne kunterbunt werden Auch der Einsatz von Text und Archivfotos für die Vermittlung von sachlichen Hintergrundinformationen ist gut gelungen.
Veröffentlicht am 13. Jan. 2010. in [/Journalismus/Multimedia-Reportagen]
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Days with my father is eine bewegende Foto-Story von dem New Yorker Fotograf Phillip Toledano.
Via MLRM
Veröffentlicht am 19. Oct. 2009. in [/Journalismus/Multimedia-Reportagen]
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Der französische Fotograf Samuel Bollendorff hat für die Website von Le Monde eine aufwändige multimediale Reportage über den Kohleabbau in China realisiert: Voyage au bout du charbon Das besondere an dem Format ist vor allem die Interaktivität: Man kann beispielsweise einzelne Fragen an einen Minenarbeiter auswählen und gerät so in die Rolle des Journalisten. Ein Eindruck, den man vor allem von Computerspielen kennt und den weder Film noch Textreportage in dieser Stärke erzeugen kann. Zum anderen präsentiert die sogenannte "web documentary" Bild, Ton und Film in ungewohnter Vermischung: durch die interaktive Steuerung läuft die Reportage nicht fortwährend durch wie eine Audio-Slideshow mit Videoelementen, sondern steht immer wieder still bis der Rezipient eine Auswahl trifft.
Das großartigste an der Reportage sind die Bilder, die obendrein von sehr eindrucksvollen atmosphärischen Tonaufnahmen begleitet werden. Zusammen mit der interaktiven Steuerung ergibt sich tatsächlich ein wenig der Eindruck, man würde die fremde Welt selbst erkunden. Die Journalisten und Fotografen sind nicht mehr greifbar, der Zuschauer tritt an ihre Stelle. Dennoch muss man wie bei allen interaktiven Features kritisieren, dass die Steuerung den Fluss der Erzählung stört. Alles bleibt ein Fragment einzelner Eindrücke, die Zwang etwas zu wählen überfordert den Rezipienten und macht die Ganzheit der Geschichte kaputt. Schön sind Kleinigkeiten wie die jederzeit einblendbare Karte und der Vollbildmodus.
Obwohl die Reportage einzigartig ist und durchaus Maßstäbe im Bereich des interaktiven Storytellings setzt, halte ich diese Art von Reportagen nicht für wegweisend - ganz einfach weil die Zerteilung in Einzelstücke die Narration erheblich stört. Den Zuschauern hat es dennoch gefallen: Nach Angabe der Produktionsfirma Honkytonk erzeugte die web documentary bereits zwischen Ende 2008 und Anfang 2009 über 1,5 Millionen page views. Unabhängig vom Image-Gewinn, den eine Website mit solch großen Produktionen hat, gibt es tatsächlich auch die Hoffnung, dass sie sich auch finanziell lohnen könnten.
Veröffentlicht am 13. Oct. 2009. in [/Journalismus/Multimedia-Reportagen]
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