Dirk von Gehlen hat gestern in einem Posting mehr Interaktivität von der Webreportage gefordert. Mit seinem neuen Buchprojekt "Eine neue Version ist verfügbar" probiert er ja selbst gerade die interaktive Erstellung eines Textes mit Hilfe der Leser aus. Es ist nicht die erste Idee von Dirk, die mich begeistert und inspiriert. Aber immer, wenn ich Dirk treffe oder lese, merke ich, dass ich ganz anders an die Sachen herangehe und daher haben wir immer wunderbare Diskussionen. Als Antwort auf seinen Artikel nun also meine Ergänzung mit einigen Einsprüchen, denn seine Forderungen an die Webreportage sind mir begrifflich noch zu ungenau und in manchen Punkten zu einengend für den Webreporter. Im Kern habe ich versucht, behutsam Struktur in seine Forderungen zu bringen, in der Hoffnung, dass Dirk dieser fünfteiligen Gliederung zustimmt.

Alle Optionen sind übrigens nicht erst seit dem Web möglich, auch wenn sie dort nun viel einfacher und breiter genutzt werden können. Eine fluide Form waren/sind z.B. die Loseblatt-Lexikas vom Munzinger-Verlag, Leser-Autor-Interaktion gab es auch schon live oder per Telefon, interaktive Geschichten in Form sogenannter Spielbücher, Ich-Erzähler im Film und Live-Reportagen im Radio und Fernsehen, um einige Beispiele zu nennen.
Wir können nun nach den Regeln der Kombinatorik eine Liste aus allen Optionen machen und haben 25 teilweise innovative Formate in der Webreportage, die wir in den nächsten Jahren abarbeiten können. Einige Kombinationen hatte Dirk sicher im Kopf, als er seinen Beitrag geschrieben hat, andere erschließt man vielleicht nur, wenn man sich diese Liste erstellt. Wobei nicht nicht klar ist, ob alle Fälle Sinn machen, z.B. die interaktive Live-Reportage, die ständig im Fluss ist.

Außerdem fehlen natürlich viele Optionen, z.B. gibt es Experimente wie die Webdoku Alma, bei der der Leser interaktiv das Medium (in diesem Fall die Bildebene) ändert, aber nicht den Erzählstrang. Oder Wechsel zwischen den Medien (z.B. vom Text zum Video), bei denen der Ich-Erzähler seine Vermittlung über den Bruch hinweg fortführt.
Entscheidend sollte am Ende aber immer sein, dass die Geschichte in der perfektesten Form beim Rezipienten ankommt, um seine Botschaft zu vermitteln. Das wird für mich das oberste Kriterium sein, wenn ich mit Kollegen am 3. Dezember die zehn Nominierungen bewerte. Ich möchte keiner Form einen Vorrang einräumen und damit eine ideologische Abgrenzung zu anderen Formaten machen, die obendrein noch von einer erwünschten Abgrenzung zu anderen Medienkanälen wie dem Fernsehen diktiert wäre. Und eine gute Geschichte, ob multimedial oder nicht, funktioniert sicher und in bewährter Weise auch ohne diese Optionen. Dass bisher viel zu wenig mit diesen Optionen experimentiert wurde, ist dagegen offensichtlich und bekräftigt mich in einer ganze anderen Vision, die ich bereits vor Jahren dem Reporterforum vorgeschlagen habe: Nämlich dass wir eine Art Think-Tank benötigen, in dem einige Journalisten in Zusammenarbeit mit deutschen Redaktionen alle diese neuen Optionen (und noch mehr) austesten und entscheiden, was in der Praxis geht und was nicht. Denn was bisher von Onlinejournalisten, (z.B. auch in der Audio-Slideshow) gemacht wird, ist aus Zeitnot fast immer nur das Nachahmen von etablierten, erfolgreichen Formaten. Was wir jetzt brauchen, ist Formatkreativität und ich hoffe, dass ich mit diesem Beitrag ein wenig dazu beigetragen habe.
Veröffentlicht am 03. Nov. 2012. in [/Journalismus/Theorie]
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Auf der Suche nach einem guten Ersatz für das mittlerweile überteuerte und komplizierte Netlabel Magnatune bin ich auf zwei weitere Anbieter von gemafreier Musik gestoßen:
Bei
Youlicense kann man für Audio-Slideshows schon für 5$ eine Musiklizenz kaufen, z.B. diese schöne Glockenintro von Alex Plowright.
Bei Premiumbeat zahlt man mit knapp 30$ schon mehr, aber kann dafür auch fertige Loop-Sets kaufen, z.B. diese sehr brauchbare Untermalung aus dem Song Annie von Ben Beiny. Letzteres ist natürlich viel dezenter einzuspielen als ein ganzer Song.
Veröffentlicht am 28. Oct. 2012. in [/Journalismus/Nachrichten]
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Wie jedes Jahr gibt es auch diesmal beim Deutschen Reporterpreis 2012 in der Kategorie Multimedia-Reportage noch viel zu wenig Nominierungsvorschläge! Das Reporterforum bittet euch, schöne Audio-Slideshows, Webvideos, interaktive Geschichten oder sonstige multimediale Reportagen bis zum Montag per Email einzureichen!
Veröffentlicht am 27. Sep. 2012. in [/Journalismus/Nachrichten]
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Schon vor einiger Zeit bin ich auf dieses packende Video mit dem Skateboarder Ross Capicchioni gestoßen, der in einem längeren Interview erzählt, wie er 2007 angeschossen wurde. Auf den ersten Blick bemerkenswert ist seine Art zu erzählen und das erinnerte mich wieder daran, dass der wichtigste Punkt für einen Multimedia-Journalisten sicher die Suche nach der guten Geschichte ist, die von einem beteiligten Protagonisten auch gut erzählt werden kann. Da man diese Eigenschaft zu Recht dem Protagonisten zuschreibt, vergisst man schnell, dass der Journalist diese Geschichte und diesen Protagonisten erst finden muss und dann mit guter Fragetechnik und einfühlsamen Umgang die geeignete Erzählsituation schafft, aus der sich ein Interview wie dieses entwickeln kann. Aber wenn man genauer aufpasst, endeckt man in diesem Video auch einen erstaunlich sorgfältigen Umgang mit Effekten. Zum einen natürlich die musikalische Begleitung und die Farbbearbeitung, aber auch plötzliche Schwarzblenden und die größtenteils gut miterzählenden Schnittbilder und Close-Ups.
Veröffentlicht am 26. May. 2012. in [/Journalismus/Multimedia-Reportagen]
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Vor etwa einem Jahr startete die Produktionsfirma 2470media zusammen mit der TAZ eine sehr schöne Multimedia-Serie über Berliner Menschen, bei der auch viel mit dem neuen Medium Audio-Slideshow experimentiert wurde: Die Berlinfolgen. Für das neue Jahr sind neue Folgen geplant und dafür geht 2470media nun den gewagten Weg der Spendenfinanzierung: Bei Startnext kann man das Projekt finanziell unterstützen.
Vor ein paar Tagen hat mich nun Daniel Nauck angerufen und mich gebeten, ein wenig Werbung für die Finanzierung zu machen, weil noch nicht einmal ein Viertel des benötigten Geldes zusammengekommen ist. Damit hat er offene Türen eingerannt. Ich hoffe natürlich, dass auch viele Berliner Leser das Projekt unterstützen, aber hier will ich an einem anderen Punkt ansetzen, der mit meiner professionelle Sichtweise auf den Journalismus zu tun hat: Multimedia-Journalismus in Deutschland ist eine klassische Graswurzel-Pionierleistung. Es gibt fast keine verlagseigenen Think-Tanks, die mit dem Medium experimentieren und neue Formate schaffen. Wir haben leider nicht die finanzielle Situation, die das Privatfernsehen in den 80er Jahren hatte. Die iPad-Redaktion vom Spiegel und vielleicht noch die FAZ sind die einzigen großen Ausnahmen, bei denen festangestellte Redakteure regelmäßig vorbildliche Multimedia-Beiträge hervorbringen. In den meisten anderen Medienhäusern ist man an inhaltlicher Stelle eher sparsam. Die festangestellten Redakteure haben keine Zeit für Innovation und Experiment, unter Zeitdruck reicht es dann bei allen guten Absichten nur für mittelmäßige und manchmal sogar fehlerhafte Produktionen. Für den Klick, den man beim Werbepartner abrechnen kann, ist dabeisein vielleicht alles, aber langfristig sind solche Beiträge schädlich, sie können dem Rezipienten die Lust am Zuschauen und daher auch am Bezahlen nehmen. Die Beiträge, die mir bei diesen Verlagen doch mal positiv auffallen, sind dann nicht selten von selbstständigen Journalisten zugekauft. In vielen Fällen passiert aber nicht mal das. Von den zehn Nominierungen beim Reporterpreis für die beste Webreportage 2011 wurden nur zwei Reportagen bei einem Medienhaus veröffentlicht. Die anderen entstanden offensichtlich als privat finanzierte Projekte unter entsprechenden finanziellen Opfern der beteiligten Freiberufler. Diese Menschen, die hier ihre Altersvorsorge aufs Spiel setzen, sind die eigentliche Basis für die langsame multimediale Revolution, die seit einigen Jahren in Deutschland stattfindet. Deswegen kann ich nur ausdrücklich dafür werben, dass diese innovativen Journalisten, und darunter ganz besonders 2470media, finanziell unterstützt werden. Sie sichern mit ihren Experimenten unsere Zukunft.
Veröffentlicht am 29. Apr. 2012. in [/Journalismus/Nachrichten]
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Unter Journalisten ist Florian Thalhofer bisher wenig bekannt, obwohl er seit über zehn Jahren mit interaktiven Medien experimentiert und wie kaum ein anderer Künstler in diesem Bereich inhaltliche und technische Entwicklungen vorangebracht hat, darunter z.B. eine eigene Produktions-Software namens Korsakow. Sein letztes Projekt, Planet Galata, ist ein Portrait über die Menschen auf der Galata-Brücke in Istanbul, das er zusammen mit der türkischen Filmemacherin Berke Baş erstellt hat. Als ich diesen interaktiven Film vor einigen Monaten zum ersten Mal sah, war ich aus journalistischer Perspektive enttäuscht: Der Film ist ungewohnt sperrig zu konsumieren, man muss sich mehr oder weniger zufällig durch die zahlreichen einzelnen Abschnitte und Takes klicken. Als durchschnittlicher Rezipient verlor ich wegen dem fehlenden Spannungsaufbau schnell das Interesse am Fortgang der Geschichte. Irritierend empfand ich auch die biographische Details von Thalhofer, die mitten im Werk auftauchen und die in keiner Verbindung zum Thema standen. Hier zeigte sich ebenfalls die künstlerische Ausrichtung des Werks.

Veröffentlicht am 12. Feb. 2012. in [/Journalismus/Multimedia-Reportagen]
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Bei den "Berlinfolgen" ist vor kurzem ein neues Portrait erschienen, das mir sehr gut gefällt: Gero, der Obdachlose. Die Bilder und Videosequenzen von Jannis Keil sind - wie man es von 2470media gewohnt ist, hervorragend, aber bemerkenswert ist diesmal auch die Tonspur, die die kurze Reportage besonders macht. Eine berührende Eindringlichkeit liegt in manchen Schilderungen aus Geros Alltag und man fühlt sich sofort an Franz Biberkopf aus dem Roman "Berlin Alexanderplatz" erinnert, der ebenfalls nach dem Knast auf der Straße landete und an den Menschen verzweifelte. Diese sprachliche Dichte verdankt man an erster Stelle natürlich einem zum Erzählen begabten Protagonisten (den man erstmal finden muss - das gehört auch zur Reportagearbeit). Aber es braucht auch einen Interviewer, der zuhören kann, der Vertrauen aufbauen kann und der die richtigen Fragen stellt. Hier hat Plutonia Plarre von der TAZ gut gearbeitet. Sie hatte über Gero bereits 2010 eine Textreportage gemacht und ihn für die Multimediaserie ein zweites Mal befragt.
Ich hätte lediglich längere Pausen zwischen die einzelnen Interview-Abschnitten eingefügt, um der Reportage mehr Ruhe zu geben.
Veröffentlicht am 29. Jun. 2011. in [/Journalismus/Multimedia-Reportagen]
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