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Diese Seite berichtet von München aus über Multimedia, digitales Storytelling und Kunst im Netz. Und stellt eigene Entwicklungen in diesem Bereich vor.

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Tim Berners-Lee, der Erfinder des World Wide Web, auf einer der ersten Seiten im WWW.





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Ergänzende Überlegungen zu Dirk von Gehlens Beitrag und den Kriterien des Reporterpreises

Interaktivität und andere Optionen in der Webreportage

goa_hippy_tribe.jpg

Dirk von Gehlen hat gestern in einem Posting mehr Interaktivität von der Webreportage gefordert. Mit seinem neuen Buchprojekt "Eine neue Version ist verfügbar" probiert er ja selbst gerade die interaktive Erstellung eines Textes mit Hilfe der Leser aus. Es ist nicht die erste Idee von Dirk, die mich begeistert und inspiriert. Aber immer, wenn ich Dirk treffe oder lese, merke ich, dass ich ganz anders an die Sachen herangehe und daher haben wir immer wunderbare Diskussionen. Als Antwort auf seinen Artikel nun also meine Ergänzung mit einigen Einsprüchen, denn seine Forderungen an die Webreportage sind mir begrifflich noch zu ungenau und in manchen Punkten zu einengend für den Webreporter. Im Kern habe ich versucht, behutsam Struktur in seine Forderungen zu bringen, in der Hoffnung, dass Dirk dieser fünfteiligen Gliederung zustimmt.

  1. Die Hauptidee von Dirk und sicher die große, geniale Idee hinter seinem Buchprojekt ist es, die Abgeschlossenheit der alten Medien in Frage zu stellen und diese in die fluiden Formen von Wikipedia oder Software zu überführen, die wir aus dem Web kennen. Diese prozesshafte, endlose Versionierung von Beiträgen ist aber nicht zu werwechseln mit dem wechselseitigen Bezug von Texten, der in der Literaturwissenschaft auch als Intertextualität bekannt ist und keine exklusive Eigenschaft des Webs darstellt. Beide Punkte können sich sogar ausschließen: dass z.B. ein Leser erkennt, dass mein Beitrag auf Dirks antwortet, setzt für beide Beiträge voraus, dass sie ab jetzt nicht mehr zu stark abgeändert werden.
  2. Die crowdgestütze Recherche/Finanzierung und die Interaktion zwischen Leser und Autor bedeutet nicht, dass am Schluss eine interaktive Reportage steht. Diese Optionen kann mit der nächsten zusammenfallen, aber es ist in manchen Fällen sicher sinnvoll, die interaktive Recherche in eine oder mehrere abgeschlossene und unverzweigte Beiträge zu überführen.
  3. Eine interaktive Narration wie bei Voyage au bout du charbon bedeutet, dass der Rezipient an verschiedenen Stellen der Reportage entscheidet, welchen Weg er einschlagen will, welchem Teil er als nächstes folgen will. Diese Interaktivität darf nicht mit einer Leserbeteiligung bei der Projektplanung oder mit einem unabgeschlossenem Projekt wie Wikipedia verwechselt werden. voyage_charbon.jpg
    Interaktivität in der Erzählung ist bereits ohne die anderen Punkte von Dirk Herausforderung genug: Wir müssen die Geschichte so konstruieren, dass der Leser die Entscheidungen über den Fortgang der Reportage treffen will und auch sinnvoll treffen kann. Ich halte das für das dringendste Experimentierfeld, vor allen anderen Forderungen von Dirk: Dass dieses zwanzig Jahre alte Problem der interaktiven Reportage endlich von einem genialen Pionierjournalisten gelöst wird.
    Wichtig bei diesem Punkt: Bitte nicht jede Form der multimedialen Menüführung wie z.B. Goa Hippy Tribe als interaktive Reportage bezeichnen. Hier können nur mehrere für sich stehende Text- oder Multimediaerzählungen in einem Menü ausgewählt werden. Nach dieser Logik wäre jede Onlineseite, jede Zeitung, jede Suchmaschine und jedes Buchgeschäft ein interaktives Medium. Es wäre toll, wenn man den Begriff der Interaktivität für solche Dossier-Formate nicht verwenden würde.
  4. Dirk spricht davon, dass das Netz die Reportage um ihren Verfasser erweitert oder erweitern sollte. Diese Möglichkeit, den Autor, sozusagen eine Kopie von ihm, sein mediales Ich, in der Reportage mit spezifischen Funktionen für die Narration einzusetzen, ist natürlich auch ohne Interaktivität möglich und zieht sich durch alle Medien, vom Video über den Text zu Audio-Slideshow. Der New Journalism aus den 80ern oder die Dokumentarfilme von Michael Moore sind hier gute Beispiele. Die Entscheidung, wer die Reportage an den Leser vermittelt, ein Off-Sprecher, ein Journalist/Fotograf, der durch ein "Ich" in seiner eigenen Erzählung als Vermittler auftritt oder der Protagonist selbst, ist immer eine Frage des Inhalts, der vermittelt werden soll. Es macht keinen Sinn, ein Sachthema, bei dem keine subjektiven Eindrücke geschildert werden müssen, mit einem Ich-Erzähler zu vermitteln. Auf der anderen Seite finde ich es manchmal überholt, wenn Journalisten ihr Ich mühsam hinter einer dritten Person verbergen, obwohl ihre persönlichen Erfahrungen etwas zur Geschichte beitragen können. Gerade bei der Textreportage ist diese Gattungsregel schon zur Obsession geworden. Auch diese Frage der Vermittlung der Reportage sollte man also von der Interaktivität trennen.
  5. Dirk nennt an mehreren Stellen die Live-Reportage, z.B. über Twitter. Auch diese Option hat nichts mit Interaktivität zu tun und sollte wohl zur aktuellen Berichterstattung eingesetzt werde. Was in diesem Zusammenhang generell nicht funktioniert ist die Idee, Wirklichkeit möglichst unverfälscht aufzuzeichnen, egal ob live oder nicht. Wir können keine Wirklichkeit aufzeichnen, ohne diese zu zerlegen. Deshalb sollte jeder Form der Aufzeichnung immer die Überlegung vorausgehen, wie die Wirklichkeit geordnet, fokussiert und gegebenenfalls narrativ konstruiert in ein Zeichensystem überführt werden kann. Ansonsten entsteht nur chaotischer Zeichenmüll für die nächste Transmediale.

Alle Optionen sind übrigens nicht erst seit dem Web möglich, auch wenn sie dort nun viel einfacher und breiter genutzt werden können. Eine fluide Form waren/sind z.B. die Loseblatt-Lexikas vom Munzinger-Verlag, Leser-Autor-Interaktion gab es auch schon live oder per Telefon, interaktive Geschichten in Form sogenannter Spielbücher, Ich-Erzähler im Film und Live-Reportagen im Radio und Fernsehen, um einige Beispiele zu nennen.

Wir können nun nach den Regeln der Kombinatorik eine Liste aus allen Optionen machen und haben 25 teilweise innovative Formate in der Webreportage, die wir in den nächsten Jahren abarbeiten können. Einige Kombinationen hatte Dirk sicher im Kopf, als er seinen Beitrag geschrieben hat, andere erschließt man vielleicht nur, wenn man sich diese Liste erstellt. Wobei nicht nicht klar ist, ob alle Fälle Sinn machen, z.B. die interaktive Live-Reportage, die ständig im Fluss ist.
alma_arte.jpg

Außerdem fehlen natürlich viele Optionen, z.B. gibt es Experimente wie die Webdoku Alma, bei der der Leser interaktiv das Medium (in diesem Fall die Bildebene) ändert, aber nicht den Erzählstrang. Oder Wechsel zwischen den Medien (z.B. vom Text zum Video), bei denen der Ich-Erzähler seine Vermittlung über den Bruch hinweg fortführt.
Entscheidend sollte am Ende aber immer sein, dass die Geschichte in der perfektesten Form beim Rezipienten ankommt, um seine Botschaft zu vermitteln. Das wird für mich das oberste Kriterium sein, wenn ich mit Kollegen am 3. Dezember die zehn Nominierungen bewerte. Ich möchte keiner Form einen Vorrang einräumen und damit eine ideologische Abgrenzung zu anderen Formaten machen, die obendrein noch von einer erwünschten Abgrenzung zu anderen Medienkanälen wie dem Fernsehen diktiert wäre. Und eine gute Geschichte, ob multimedial oder nicht, funktioniert sicher und in bewährter Weise auch ohne diese Optionen. Dass bisher viel zu wenig mit diesen Optionen experimentiert wurde, ist dagegen offensichtlich und bekräftigt mich in einer ganze anderen Vision, die ich bereits vor Jahren dem Reporterforum vorgeschlagen habe: Nämlich dass wir eine Art Think-Tank benötigen, in dem einige Journalisten in Zusammenarbeit mit deutschen Redaktionen alle diese neuen Optionen (und noch mehr) austesten und entscheiden, was in der Praxis geht und was nicht. Denn was bisher von Onlinejournalisten, (z.B. auch in der Audio-Slideshow) gemacht wird, ist aus Zeitnot fast immer nur das Nachahmen von etablierten, erfolgreichen Formaten. Was wir jetzt brauchen, ist Formatkreativität und ich hoffe, dass ich mit diesem Beitrag ein wenig dazu beigetragen habe.

Veröffentlicht am 03. Nov. 2012. in [/Journalismus/Theorie] Kommentare: 1


Zwei brauchbare Musikanbieter

Youlicense und Premiumbeat

Auf der Suche nach einem guten Ersatz für das mittlerweile überteuerte und komplizierte Netlabel Magnatune bin ich auf zwei weitere Anbieter von gemafreier Musik gestoßen:
youlicense.jpg Bei Youlicense kann man für Audio-Slideshows schon für 5$ eine Musiklizenz kaufen, z.B. diese schöne Glockenintro von Alex Plowright.

premiumbeat.jpgBei Premiumbeat zahlt man mit knapp 30$ schon mehr, aber kann dafür auch fertige Loop-Sets kaufen, z.B. diese sehr brauchbare Untermalung aus dem Song Annie von Ben Beiny. Letzteres ist natürlich viel dezenter einzuspielen als ein ganzer Song.

Veröffentlicht am 28. Oct. 2012. in [/Journalismus/Nachrichten] Kommentare: 0


Nominierungsphase endet am Montag, den 1.10.2012

Reporterpreis 2012: Jetzt noch einreichen!

Wie jedes Jahr gibt es auch diesmal beim Deutschen Reporterpreis 2012 in der Kategorie Multimedia-Reportage noch viel zu wenig Nominierungsvorschläge! Das Reporterforum bittet euch, schöne Audio-Slideshows, Webvideos, interaktive Geschichten oder sonstige multimediale Reportagen bis zum Montag per Email einzureichen!

Veröffentlicht am 27. Sep. 2012. in [/Journalismus/Nachrichten] Kommentare: 0


Beispiel für gute Interview-Doku

Die Geschichte von Ross Capicchioni

ross_capicchioni.jpg

Schon vor einiger Zeit bin ich auf dieses packende Video mit dem Skateboarder Ross Capicchioni gestoßen, der in einem längeren Interview erzählt, wie er 2007 angeschossen wurde. Auf den ersten Blick bemerkenswert ist seine Art zu erzählen und das erinnerte mich wieder daran, dass der wichtigste Punkt für einen Multimedia-Journalisten sicher die Suche nach der guten Geschichte ist, die von einem beteiligten Protagonisten auch gut erzählt werden kann. Da man diese Eigenschaft zu Recht dem Protagonisten zuschreibt, vergisst man schnell, dass der Journalist diese Geschichte und diesen Protagonisten erst finden muss und dann mit guter Fragetechnik und einfühlsamen Umgang die geeignete Erzählsituation schafft, aus der sich ein Interview wie dieses entwickeln kann. Aber wenn man genauer aufpasst, endeckt man in diesem Video auch einen erstaunlich sorgfältigen Umgang mit Effekten. Zum einen natürlich die musikalische Begleitung und die Farbbearbeitung, aber auch plötzliche Schwarzblenden und die größtenteils gut miterzählenden Schnittbilder und Close-Ups.

Veröffentlicht am 26. May. 2012. in [/Journalismus/Multimedia-Reportagen] Kommentare: 0


Berlinfolgen macht Crowdsourcing

Warum wir mehr Förderung brauchen

Vor etwa einem Jahr startete die Produktionsfirma 2470media zusammen mit der TAZ eine sehr schöne Multimedia-Serie über Berliner Menschen, bei der auch viel mit dem neuen Medium Audio-Slideshow experimentiert wurde: Die Berlinfolgen. Für das neue Jahr sind neue Folgen geplant und dafür geht 2470media nun den gewagten Weg der Spendenfinanzierung: Bei Startnext kann man das Projekt finanziell unterstützen.

Vor ein paar Tagen hat mich nun Daniel Nauck angerufen und mich gebeten, ein wenig Werbung für die Finanzierung zu machen, weil noch nicht einmal ein Viertel des benötigten Geldes zusammengekommen ist. Damit hat er offene Türen eingerannt. Ich hoffe natürlich, dass auch viele Berliner Leser das Projekt unterstützen, aber hier will ich an einem anderen Punkt ansetzen, der mit meiner professionelle Sichtweise auf den Journalismus zu tun hat: Multimedia-Journalismus in Deutschland ist eine klassische Graswurzel-Pionierleistung. Es gibt fast keine verlagseigenen Think-Tanks, die mit dem Medium experimentieren und neue Formate schaffen. Wir haben leider nicht die finanzielle Situation, die das Privatfernsehen in den 80er Jahren hatte. Die iPad-Redaktion vom Spiegel und vielleicht noch die FAZ sind die einzigen großen Ausnahmen, bei denen festangestellte Redakteure regelmäßig vorbildliche Multimedia-Beiträge hervorbringen. In den meisten anderen Medienhäusern ist man an inhaltlicher Stelle eher sparsam. Die festangestellten Redakteure haben keine Zeit für Innovation und Experiment, unter Zeitdruck reicht es dann bei allen guten Absichten nur für mittelmäßige und manchmal sogar fehlerhafte Produktionen. Für den Klick, den man beim Werbepartner abrechnen kann, ist dabeisein vielleicht alles, aber langfristig sind solche Beiträge schädlich, sie können dem Rezipienten die Lust am Zuschauen und daher auch am Bezahlen nehmen. Die Beiträge, die mir bei diesen Verlagen doch mal positiv auffallen, sind dann nicht selten von selbstständigen Journalisten zugekauft. In vielen Fällen passiert aber nicht mal das. Von den zehn Nominierungen beim Reporterpreis für die beste Webreportage 2011 wurden nur zwei Reportagen bei einem Medienhaus veröffentlicht. Die anderen entstanden offensichtlich als privat finanzierte Projekte unter entsprechenden finanziellen Opfern der beteiligten Freiberufler. Diese Menschen, die hier ihre Altersvorsorge aufs Spiel setzen, sind die eigentliche Basis für die langsame multimediale Revolution, die seit einigen Jahren in Deutschland stattfindet. Deswegen kann ich nur ausdrücklich dafür werben, dass diese innovativen Journalisten, und darunter ganz besonders 2470media, finanziell unterstützt werden. Sie sichern mit ihren Experimenten unsere Zukunft.

Veröffentlicht am 29. Apr. 2012. in [/Journalismus/Nachrichten] Kommentare: 0


Eine Besprechung von Florian Thalhofers interaktivem Projekt "Planet Galata"

Interaktiv am Rezipienten vorbei

florian_thalhofer.jpg Unter Journalisten ist Florian Thalhofer bisher wenig bekannt, obwohl er seit über zehn Jahren mit interaktiven Medien experimentiert und wie kaum ein anderer Künstler in diesem Bereich inhaltliche und technische Entwicklungen vorangebracht hat, darunter z.B. eine eigene Produktions-Software namens Korsakow. Sein letztes Projekt, Planet Galata, ist ein Portrait über die Menschen auf der Galata-Brücke in Istanbul, das er zusammen mit der türkischen Filmemacherin Berke Baş erstellt hat. Als ich diesen interaktiven Film vor einigen Monaten zum ersten Mal sah, war ich aus journalistischer Perspektive enttäuscht: Der Film ist ungewohnt sperrig zu konsumieren, man muss sich mehr oder weniger zufällig durch die zahlreichen einzelnen Abschnitte und Takes klicken. Als durchschnittlicher Rezipient verlor ich wegen dem fehlenden Spannungsaufbau schnell das Interesse am Fortgang der Geschichte. Irritierend empfand ich auch die biographische Details von Thalhofer, die mitten im Werk auftauchen und die in keiner Verbindung zum Thema standen. Hier zeigte sich ebenfalls die künstlerische Ausrichtung des Werks.
planet_galata.jpg

Vor einigen Tagen hatte ich die Möglichkeit, Thalhofer in München kennenzulernen, mit ihm meine Vorbehalte zu diskutieren und so eine neue Perspektive auf seine Arbeit zu gewinnen.
Dabei wurde schnell klar, dass Thalhofer sich gar nicht als Journalist versteht und auch gar kein Interesse hat, dem Rezipienten eine angenehme Rezepetion zu ermöglichen. Ich hatte eher den Eindruck, dass er sich nur seiner eigenen Leidenschaft als Aufzeichner von Wirklichkeit verpflichtet fühlt. Diese Leidenschaft hat ihn über die Jahre zum interkativen Film seiner Prägung geführt. Die Interaktivität erlaubt es ihm, etwas Aufgezeichnetes an den Rezipienten zu geben, ohne ihm eine lineare erzählerische Struktur mitzugeben, anders als beim normalen Film, den er gerade dafür kritisiert: Linear film lies, schreibt er, weil er die Reduktion kritisiert, die mit einem festen Spannungsaufbau einhergeht. Dass der Rezipient den Film durchaus linear konsumiert, nur eben in einer mehr oder weniger zufälligen Reihenfolge, steht für ihn auch nicht im Vordergrund. Entsprechend auch die Wortwahl: Er bezeichnet seine Projekte fast duchgänging als "nichtlineare" Filme, weil er als Autor keine spezifische Linearität festlegt. Ich würde dagegen eher von interaktiven Filmen sprechen, weil mir die Wahlmöglichkeit des Rezipienten als entscheidendes Kriterium gilt.
Es lohnt sich, diese Wahlmöglichkeit genauer zu betrachten. Seine Software Korsakow erlaubt es, einzelne Filmabschnitte einem oder im Normalfall mehreren anderen Abschnitten zuzuordnen. Dadurch entsteht eine Art Mindmap, die den Film strukturiert und die beim Betrachten im Hintergrund arbeitet und die (in diesem Fall meist vier) zur Verfügung weiterführenden Abschnitte auswählt. Es ist also keineswegs so, dass die einzelnen Passagen zufällig angeordnet sind, sondern Thalhofer ordnet, wenn ich das richtig verstanden habe, nach abstrakten oder intuitiven Gemeinsamkeiten. Damit widerspricht er zwei älteren Traditionen: Zum einen geht es ihm nicht um eine möglichst weitgehende Auflösung der auktorialen Ordnungsmacht, wie es in den 70er Jahren oft gefordert wurde und in den 90er Jahren auch vereinzelt umgesetzt wurde (z.B. in dieser ethnographischen CD-ROM über die Yanomami). Auch im heutigen Daten-Journalismus findet sich noch der alte Wunsch nach einer direkten, unstrukturierten Übergabe der gesammelten Informationen an den Rezipienten. Zum anderen wendet er sich aber auch ganz bewusst gegen alle durchgeplanten interaktiven Erzählformen, bei denen der Rezipient wissentlich Entscheidungen über den Verlauf der Geschichte treffen muss. Ein Beispiel für so eine Geschichte wäre Samuel Bollendorffs Voyage au bout du charbon. Während der Rezipient bei Bollendorff genug Informationen bekommt, um - als wäre er selbst der Journalist - zu entscheiden, wie die interaktive Reise weitergehen soll, finden sich bei Thalhofers Planet Galata keine solchen Hinweise. Seine frühen Experimente sind noch durchgeplante Erzählungen, so z.B. Small World von 1997. Aber von diesen Formen hat er sich entfernt, wie er selbst sagt, weil er diese Planung als Lüge empfindet. Dadurch entstand für mich das Dilemma, dass ich an keinem Punkt wusste, welchen Beitrag ich bei Planet Galata als nächstes wählen soll. Vielleicht können andere Rezipienten dieser intuitiven Auswahl etwas abgewinnen. Aber ich denke, dass Interaktivtät bei journalistischen Projekten nur dann Sinn macht, wenn der Rezipient erstens die Wahlmöglichkeit überhaupt benötigt und zweitens genug Informationen hat, um diese Wahl dann nach seinen Vorlieben zu treffen.
Der zweite oben angesprochene Kritikpunkt betrifft die persönlichen Details, die der Autor an einem Punkt der Geschichte beisteuert. Ich bin ein großer Freund des Ich-Erzählers und Thalhofer setzt ihn in einigen Abschnitten schön ein, aber was Thalhofer hier macht, bringt die Erzählperspektive in Verruf: Der Abschnitt führt mich vom eigentlichen Thema, der Galata-Brücke, weg und fokussiert den Autor selbst. Diese Zentrierung von Florian Thalhofer auf sich und seine Arbeit fällt auch außerhalb des Projekts auf, so etwa die ironisch übertriebene Selbstdarstellung des Korsakow-Systems auf verschiedenen Websites. Zitat: "ATTENTION: EXTENSIVE USE OF THE KORSAKOW SOFTWARE MIGHT CHANGE YOUR PERCEPTION OF THE WORLD. But don't be afraid: Korsakow is not a religion." Mir kam es so vor, dass diese Selbstdarstellung und auch diese Passagen eine perfekt zugeschnittene Antwort auf die Bedingungen des Kunstbetriebs sind, auch wenn Thalhofer das abstritt. Ich hätte mir hingegen statt dieser spielerischen oder ironisierenden Selbstdarstellung mehr sachliche Selbstkritik gewünscht, so dass auch klar wird, dass das Format sich in einem außerordentlichen Experimentstatus befindet und gegenüber anderen Medienformen durchaus Nachteile hat. Außerdem verhindern sie, zusätzlich zu der Sperrigkeit des fordernden Formats, die Wahrscheinlichkeit, dass der Onlinejournalismus Thalhofers Projekte, seine Ideen und seine Software aufgreift.
Das finde ich schade, da seine Filme durchaus sehr ambitioniert gedreht sind und er gut beobachten kann. Sein Film erzeugt eine sehr differenzierte, polyvalente und uneindeutige Sicht auf die Galata-Brücke, die ich als sehr angenehm empfunden habe. Nach dem Gespräch blieb ich also mit gemischten Gefühlen zurück: Einerseits mit großer Bewunderung für den leidenschaftlichen und offensichtlich völlig unbeirrbaren Einsatz von Thalhofer für seine spezielle Idee vom nichtlinearen Erzählen. Andererseits mit großem Bedauern, dass man Thalhofers Projekte und sein Korsakow-System wegen der völlig fehlenden Ausrichtung am Rezipienten nicht als Vorbild für interaktiven Multimedia-Journalismus verwenden kann, sondern höchstens als Inspiration. Denn dass sich der Rezipient an diese Filme gewöhnt, wie Thalhofer meint, daran glaube ich nicht.

Fotos: Juliane Henrich / Florian Thalhofer

Veröffentlicht am 12. Feb. 2012. in [/Journalismus/Multimedia-Reportagen] Kommentare: 1


Sehenswerte Online-Reportage aus der Reihe "Berlinfolgen"

"Ich stürze ins Kotzen"

berlinfolgen_gero.jpg

Bei den "Berlinfolgen" ist vor kurzem ein neues Portrait erschienen, das mir sehr gut gefällt: Gero, der Obdachlose. Die Bilder und Videosequenzen von Jannis Keil sind - wie man es von 2470media gewohnt ist, hervorragend, aber bemerkenswert ist diesmal auch die Tonspur, die die kurze Reportage besonders macht. Eine berührende Eindringlichkeit liegt in manchen Schilderungen aus Geros Alltag und man fühlt sich sofort an Franz Biberkopf aus dem Roman "Berlin Alexanderplatz" erinnert, der ebenfalls nach dem Knast auf der Straße landete und an den Menschen verzweifelte. Diese sprachliche Dichte verdankt man an erster Stelle natürlich einem zum Erzählen begabten Protagonisten (den man erstmal finden muss - das gehört auch zur Reportagearbeit). Aber es braucht auch einen Interviewer, der zuhören kann, der Vertrauen aufbauen kann und der die richtigen Fragen stellt. Hier hat Plutonia Plarre von der TAZ gut gearbeitet. Sie hatte über Gero bereits 2010 eine Textreportage gemacht und ihn für die Multimediaserie ein zweites Mal befragt.
Ich hätte lediglich längere Pausen zwischen die einzelnen Interview-Abschnitten eingefügt, um der Reportage mehr Ruhe zu geben.

Veröffentlicht am 29. Jun. 2011. in [/Journalismus/Multimedia-Reportagen] Kommentare: 0




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